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Wer Blut sät, erntet den Tod

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Leseprobe

„Ich bringe kaum mehr die Nerven auf, mit Anna ein Gespräch zu führen. Immer wieder tauchen diese furchtbar verzweifelten Augen vor mir auf, wie eine tausendfache Wiederholung dieser Vision.“ Diane strich sich mit der Hand über die Stirn, die sich glühend heiß anfühlte. Wie von einem heftigen Fieber geschüttelt hatte sie die vergangenen Stunden verbracht, die ihr wie tausend Ewigkeiten erschienen waren. Für keine einzige Minute hatte der Schlaf ihre Augen geschlossen, sie hatte keinen Moment der Ruhe gefunden. Bernhards blasses, von Schmerz und Horror verzerrtes Gesicht verfolgte sie wie ein beständiger Alptraum.

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Sag es doch, Konrad: Es war nur ein böser Traum, es hatte keinerlei Realitätsgehalt! – Diese Vision hat mir nicht tatsächlich die Wahrheit gezeigt!“ Er fasste ihre Hände, doch die Kühle seiner Haut vermochte nichts gegen ihr inneres Fieber. „Ich kann diese Art von Visionen schon von Kindheit an herbeiführen“, erklärte er ihr ruhig, „und keine einzige von ihnen hat je die Unwahrheit gesagt.“

Dianes Finger krampften sich um seine. Sie musste sich festhalten, irgendwo, sonst drohte sie zu fallen. In einen endlosen Abgrund. „Welchen Grund – welchen verdammten Grund hatte er dafür, meinem Bruder so etwas anzutun?“ fragte sie mit bebender Stimme. Ihre Fingernägel gruben sich heftig in Konrads Handflächen, doch er zog seine Hände nicht zurück. In seinen Augen stand Mitleid – und Abscheu gegenüber diesem grausamen Mord.

„Es kann viele Gründe geben – und vielleicht auch gar keinen“, sagte er. „Vielleicht verstehen wir den Grund nicht, weil er ein Produkt des Wahnsinns ist. Es kann sein, dass es dem Mörder ein Gefühl von Macht gibt, grausam zu sein. Nach deiner Beschreibung von dem, was du gesehen hast, klingt es fast wie die Ausübung eines Rituals.“ Die dauernd schwelende Übelkeit in Dianes Magen verstärkte sich. „Ein Ritualmord?“ fragte sie entsetzt.

„Vielleicht“, fuhr Konrad mit seinen Vermutungen fort, „hat er es auch für sie getan. Diese andere Frau. Um ihr zu zeigen, dass ihm nichts mehr an dir liegt.“

Ungläubig starrte Diane ihn an. „Dann müsste sie es gewusst haben, während sie mit mir geredet und mich angelächelt hat. Dann müsste sie gewusst haben, auf welche Weise er an das Kreuz-Kettchen gekommen ist…“

„Diane“, meinte Konrad, „ich stecke in diesen Menschen nicht drin. Ich kann nur spekulieren, die Wahrheit wissen sie allein.“

Diane straffte die Schultern und richtete sich in ihrem Sessel auf. Ihre Hände lagen noch immer in Konrads, doch sie bemühte sich, sie ein wenig zu entspannen. „Mein Entschluss steht noch immer fest, Konrad“, teilte sie ihm mit und fühlte deutlich das laute Pochen ihres Herzens bis in ihre Schläfen. „Ich habe darüber nachgedacht, so, wie du es mir empfohlen hast. Und mit jedem Mal, wo ich Bernhards Schreie in meinem Kopf gehört habe, war ich mir sicherer, dass ich Robert gegenüber treten muss.“

Konrads Blick ruhte ruhig in ihrem Gesicht und sie hoffte, dass er ihre Angst vor der unweigerlich bevorstehenden Konfrontation, die jede Faser ihres Körpers erfüllte, nicht wahrnehmen konnte.  Er runzelte leicht die Stirn. „Diane, es ist auf jeden Fall gefährlich…“

„Ich wäre wirklich dumm, wenn mir das nicht klar wäre“, erwiderte sie ihm und ihre Stimme klang dabei erstaunlich fest. „Wenn er das wirklich meinem Bruder angetan hat, dann werde ich bestimmt nicht versuchen, ihn mit der bloßen Faust niederzustrecken und anschließend auf ihm herumzutrampeln…“

„Ich habe dir zugesagt“, meinte Konrad und seine Stirn glättete sich wieder, „dass ich dich unterstützten werde, wenn du auch noch nach einigen Stunden des Nachdenkens der Ansicht bist, zu ihm gehen zu müssen. Natürlich halte ich mein Versprechen.“

„Das musst du nicht“, entgegnete Diane ihm. „Du bringst dich in Gefahr, obwohl du in Wahrheit mit der Sache absolut nichts zu tun hast. Irgendwie werde ich es auch alleine durchstehen!“ Mutige Worte, dachte sie. Aber in Wirklichkeit sah es doch ganz anders in ihr aus: Ohne seine ordnende Kraft würden ihre Gedanken sich immer nur im Kreise drehen und am Ende würde nur noch die schiere Wut sie vorantreiben. Denn Wut war das dominierende Gefühl, das sie immer wieder erfasste und ihre Stirn erhitzte. Bebende Wut, die, wenn die Stimme der Vernunft nicht mehr zu ihr dränge, in unkontrollierbaren Hass ausarten würde. Und dann würde sie nicht nur Robert, sondern auch sich selbst zerstören.

„Ich kann dich damit nicht alleine lassen“, erklärte ihr Konrad und für einen Moment erfasste

ein warmherziges Lächeln sein Gesicht, bevor er wieder ernst wurde. „Ich möchte dich mit nach Afrika nehmen, wenn du einverstanden bist. Ich weiß, dir steht der Sinn nach Abenteuer – und so, wie ich die Sache sehe, wird es sowieso besser für dich sein, hinterher so schnell es geht das Land zu verlassen. Also warum dann nicht eine neue Welt entdecken?“

Die Vorstellung, schon in wenigen Tagen ein ganz neues Leben zu beginnen und die erdrückenden Erinnerungen hinter sich zu lassen, löste in Diane eine tiefe Sehnsucht aus. Aber was auch in Zukunft geschah, ihr war schmerzlich bewusst, dass ihr geliebter kleiner Bruder und sein grausamer Tod sie für immer überall hin verfolgen würde und ein gnädiges Vergessen unmöglich war.

„Wir werden gründlich handeln, damit keine weiteren schlimmen Verbrechen geschehen“, meinte Konrad weiter. „Die Justiz wird den Kindesmörder entkommen lassen, das haben wir doch schon bei der Ermordung des Rubenfelser Bildhauergesellen gesehen – wer immer auch der Täter sein mag. Also helfen wir in diesem Fall selbst nach, dass der Täter nicht entkommt und seine gerechte Strafe erhält.“

In seinen Augen erblickte sie eine Entschlossenheit, die ihrem eigenen innerlichen ängstlichen Zaudern spottete: Wovor fürchtete sie sich eigentlich? – Weniger vor körperlichen Schmerzen oder gar dem eigenen Tod, als vielmehr vor der endgültigen unausweichlichen Wahrheit. Und die musste sie auf jeden Fall erfahren, bevor es zum Unvermeidbaren kam…

„Er wird mir zuerst ein Geständnis ablegen müssen“, sagte sie und spürte, dass Konrads Ruhe und Entschiedenheit wie in kleinen, ansteckenden Funken langsam auf sie überging. „Ich werde ihn zwingen, die Wahrheit zu sagen.“ Und wenn er es wirklich getan hat, dachte sie, dann werde ich ihm Schmerzen zufügen, die er in seinem Leben noch nie gekannt hat…

„Vorsicht“, sagte Konrad und drückte sanft ihre Hände. „Du darfst dich in keine vermeidbaren Gefahren stürzen. Wenn du wirklich mit ihm reden willst, dann nur in einer Situation, in der er völlig ungefährlich für dich ist.“

„Er darf sich nicht mehr rühren können…“, stimmte Diane ihm zu.

Konrad lehnte sich zu ihr vor und blickte ihr sehr, sehr ernst ins Gesicht. „Du wirst ein großes Problem bekommen, liebe Diane. Die Schwierigkeit ist nicht, ihn schachmatt zu setzen, wenn du ihn am Anfang nur mit einem guten Schauspiel in Sicherheit wiegst. Aber hast du schon mal einem Menschen Schmerzen zugefügt, und ihm dabei in die Augen gesehen? Hast du jemals darüber nachgedacht, wie es ist, jemanden zu töten, der dich direkt anschaut? Das Ganze ist kein Spiel, Diane. Es ist die grausame Wirklichkeit. Und es kann gut sein, dass du der Verlierer sein wirst, sobald es ihm gelingt, dein gutes Herz zu erreichen. Du solltest jede Gefahr vermeiden – und ihm nicht ins Gesicht sehen müssen, wenn du es tust.“

Ich hasse ihn“, platzte es aus Diane heraus. „Er hat Bernhard mit einem Messer aufgeschlitzt! Er ist für mich kein Mensch mehr!

„Jetzt, wo er weit weg ist“, fiel ihr jedoch Konrad ins Wort, „magst du glauben, dass du in ihm keinen Menschen mehr sehen wirst. Doch in dem Moment, in dem er vor dir steht, wirst du dich an deine Liebe zu ihm erinnern… Und daran, wie stark die Sehnsucht nach ihm war… Es wird dir unmöglich sein, ihn zu töten, während du ihm ins Gesicht siehst. Deshalb werden wir Vorkehrungen treffen.“

„Auch diese Frau, Katharina, soll mir sagen, was sie weiß…“, begann Diane und gleich darauf kam ihr der Gedanke, dass sie Robert spüren lassen sollte, wie weh es tat, einen geliebten Menschen durch eine Gewalttat zu verlieren… Doch sie sprach diese Überlegung nicht aus. Konrad würde mit Sicherheit nicht damit einverstanden sein: Das entsprach gewiss nicht seiner Vorstellung von Gerechtigkeit. „Diane, das erhöht nur die Gefahr für dich. Du solltest dich nicht auf zwei Personen gleichzeitig konzentrieren müssen“, warf Konrad ein.

„Entweder beide, oder niemand“, gab Diane entschieden zurück. „Es ist schließlich sie, die die Kette meines Bruders trägt. Und wenn sie irgendetwas mit der Sache zu tun hat, dann möchte ich es aus ihrem eigenen Mund hören!“

Konrad überlegte kurz. „Es ist gut, dass das Zimmermädchen nicht mehr dort ist. Im Haus werden also nur diese zwei Personen sein. – Aber vielleicht sollten wir doch lieber die Frau aus der Sache herauslassen…“

Diane schüttelte den Kopf. „Nein“, war ihre kurze Antwort.

„Ich bat dich um Vorsicht, Diane. Vergiss nicht, dass du mit deinem Leben spielst.“

„Alles oder nichts“, sagte Diane ernst und löste ihre Finger aus seinem Griff, als sie merkte, dass ihre Handflächen zu schwitzen begannen. Ich habe dieses Kind beschützt, seit seinem ersten Atemzug, dachte sie und rief sich die großen, blauen Augen des Jungen ins Gedächtnis. Es ist nur Recht, mit meinem Leben für ihn einzustehen!

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